KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Vor der Konferenz - "Wie feministisch ist die Linke - wie links ist der Feminismus"

(4.3.2009)

Gedankensplitter, Zugänge … Aufruf zur Teilnahme:

Keine leeren Kilometer

Neben den formulierten theoretischen Ansprüchen an die EL-fem-Konferenz, die ich voll unterstütze, erwarte ich mir noch etwas anderes von dieser Zusammenkunft: so etwas wie Wärme, Solidarität und Übereinkunft in Grundsätzlichem trotz möglicher Unterschiedlichke­it. Wärme meint nicht abgestandene Nestwärme, sondern das gute Gefühl, an einem gemeinsamen feministischen Projekt zu arbeiten und daraus Stärke zu beziehen. Ich sage das als langjähriges KPÖ-Mitglied in Erinnerung an Hierarchien, Parteispaltungen und patriarchale Hahnenkämpfe, die meinen politischen Bezugsrahmen zerbröselt und mich gelähmt haben. Ich möchte mit meiner Kraft haushalten und sie nicht mehr in sinnlosen Kilometern von sog. Haupt- und Nebenwidersprüchen verbrennen. Wie viel Energie ist durch die Starrheit, im Besitz der richtigen K-Linie zu sein, verpufft; wie viel Möglichkeiten für Veränderungen sind durch die Ignoranz von Geschlechterdif­ferenzen vertan worden! Diesen leeren linken Raum gilt es neu zu besetzen. Und zwar mit allen gewonnen Einsichten auch der feministischen Theorie und Praxis. Nichts ist im Zeichen der kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftskrise dringender, wenn dieser Platz nicht von rechts besetzt werden soll.

Bärbel Mende-Danneberg

Keine halben Sachen

Die Geschichte des feministischen Netzwerkes der Europäischen Linkspartei (EL) ist eng mit der Gründung dieser Partei verbunden und unterliegt auch deren Dynamik. Begonnen hatte es am 9. Mai 2004 in Rom beim Gründungsparteitag der EL. Damals waren wir 27 Frauen aus acht Ländern, und ernüchternd haben wir die männliche Performance mit angesehen – hintereinander haben die Herren Genossen ihre Reden abgespult. Das hat uns provoziert und herausgefordert, unsere Positionen einzubringen, und wir haben zur ersten Frauenversammlung aufgerufen. Unser Antrag legte fest, dass Frauen am Aufbau der neuen Partei beteiligt sind und Netzwerke innerhalb der EL knüpfen.

Seither arbeite ich als KPÖ-Vertreterin im Netzwerk der EL-fem mit und wir knüpfen Netzwerke – in unterschiedlichsten Sprachen, aus vielfältigen Lebenslagen, verschiedenen sozialen wie politischen Voraussetzungen heraus, und das mit viel Energie und Engagement. Denn wir wollen keine halben Sachen.

In einem Feministischen Manifest, das 2005 auf dem ersten Kongress der EL in Athen von der Frauenversammlung verabschiedet wurde, heißt es u.a.: „Wir wollen, dass El-fem sich als ein europäisches, feministisches, politisches Subjekt konstituiert, das sich auf gemeinsame Beziehungen und Projekte gründet. Wir wollen, dass Frauen, die dieses Projekt mittragen, Teil von El-fem werden können, auch wenn sie nicht Mitglied in einer der Mitgliedsparteien der EL sind. (…) Wir unterstreichen deutlich: Der Geschlechterwi­derspruch ist nicht dem Klassenwiderspruch untergeordnet. In Abgrenzung vom patriarchalen Prinzip der Hierarchisierung der verschiedenen Formen sozialer Gegensätze gilt es, die konkreten Wechselwirkungen und Verschränkungen aufzudecken.“

Ich habe Hoffnung, dass Menschen, Männer wie Frauen, lernfähig sind – also keine halben Sachen!

Susanne Empacher

„Wenn wir uns nicht selbst befreien, bleibt es für uns ohne Folgen" *)

Diese so vielschichtige Aussage bündelt meinen Anspruch an politische feministische Praxen, die Selbstveränderung untrennbar im Zusammenhang mit der Veränderung der Verhältnisse zu begreifen wie auch umgekehrt. Unterschiedlichsten Fragen, Positionierungen, Irrungen und Weiterentwicklungen in der Theoriebildung als auch Praxen folgend, komme ich im Jahr 2009 zum Schluss: Während die Frauenbewegungen ersteres lernten, nahm es die Männerbewegung in den linken Parteien mit letzterem nie wirklich ernst.

Aber unser Ringen war nicht umsonst, wenn auch vielfach gratis. Die Europäische Linkspartei und die ihr angeschlossenen europäischen linken Parteien in Europa finanzieren diese Konferenz, weil sie ein Gespür entwickelt haben, dass auch auf dem politischen Feld ohne Frauen nichts wächst. Das ist mehr als ich in allen anderen gemischten Parteien und Gruppen sehe.

Die theoretischen Auseinanderset­zungen wie auch jener in gemeinsamen Praxen mit nicht parteiförmig organisierten feministischen Gruppen oder Einzelkämpferinnen hat diese Entwicklung nachhaltig beeinflusst. Daher ist eine solche Konferenz auch nur denkbar und wünschenswert in der weiteren Einbeziehung dieser „außerparteilichen“ feministischen Standpunkte.

Ich bin überzeugt, wir werden mit dieser Konferenz ein neues Stück der Weiterentwicklung unserer Theorien und kreativen Ideen in entsprechenden Praxen, ein neues Stück Geschichte schreiben.

Heidi Ambrosch

*) Frigga Haug in Anlehnung einer aus meiner Sicht Schlüsselaussage von Peter Weiss in Ästhetik des Widerstandes

Der männliche Marxismus hat abgedankt

Im neuen Jahrtausend der gesellschaftlichen Entfaltung, präzise im Jahr 2009, nach der Öffnung aller Archive der Frauenbewegungen, nach der Verteilung der feministischen Wissensbestände in Akademien und Forschungszentren, in Journalen und Büchern, mit denen die Strecke von Wien nach Paris imaginär gepflastert werden könnte, kann sich niemand mehr auf „Unwissenheit“ berufen. Zwar dominierte in der marxistischen Theorie der soziale Klassengegensatz, da die Nicht-Wahrnehmung des Werts von Frauenarbeit zu einseitigen theoretischen Überlegungen der Vergesellschaftung führte und die Kategorie des Geschlechts nur aus der Perspektive des „Nebenschauplatzes“ betrachtet wurde; zwar blieb der Zusammenhang zwischen der Klassenfrage und der Geschlechterfrage lange Zeit bis zur Theoretisierung durch die Neue Frauenbewegung unerkannt. Zugegeben, dass es vor diesem Hintergrund des Nicht-Wissens schwierig war, Dimensionen der Ungleichheit in Produktion und Reproduktion, die rigorosen Lohnunterschiede, die Vergeschlechtlichung der Arbeit und der Arbeitsteilung oder die häusliche Gewaltausübung zu thematisieren, um diese nachhaltig zu verändern. Doch heutzutage kann es keinen Zweifel geben: Der männliche Marxismus hat abgedankt – schon wegen der „blinden“ Flecken in seinen Analysen.

Seltsamerweise hat sich diese Erkenntnis noch immer nicht in den Etagen linker Männerpolitik, in den Gewerkschaften und Organisationen herumgesprochen. Oder doch? Oder ist es bloß so, dass linke Männer um ihre Positionierung fürchten und dafür bereit sind, die Hälfte der Welt in ihrem Politikverständnis einfach „draußen“ zu lassen? Ist es einfach Bequemlichkeit, die das „linke Patriarchat“ veranlasst, auf ihrem Set geschlechtsne­utraler Kategorien zu bestehen und nach wie vor in männerbündischer Ignoranz mit gesellschaftspo­litischen Scheuklappen zu agieren? Vielleicht jedoch handelt es sich dabei um die Furcht vor Machtverlust.

(Solche und ähnliche Fragestellungen möchten wir zur Debatte stellen ….)

Lisbeth N. Trallori

Das eine nicht ohne das andere …

Feminismus und Linke sind untrennbar miteinander verbunden. Das eine ohne das andere ist mangelhaft, unbefriedigend und zuletzt wirkungslos. Feminismus ohne links zu sein (obwohl Simone de Beauvoir meint, das eine sei automatisch auch das andere) bedeutet doch nur, dass Frauen sich in vorhandene Strukturen einfinden, wobei verloren geht, dass diese Strukturen und die Gesellschaft insgesamt eine andere werden müssen. Die Linke wiederum ohne Feminismus ist bloß eine Ansammlung von selbst-referentiellen Machos, die die sozialen Erfahrungen von Frauen weder mitreflektieren können noch wollen und die in ihrer Mehrheit noch immer glauben, die Arbeiterklasse sei weiß, männlich, europäisch und in der Industrie beschäftigt.

Um gesellschaftliche Entwicklungen voranzutreiben und Widerstand zu organisieren, ist es wichtig, dass Frauen sich – in all ihrer Widersprüchlichkeit – (wieder) aufeinander beziehen, ihre Stärke erfahren, sich gegenseitig inspirieren, ein Bewusstsein darüber erlangen, was es heißt, in dieser Welt als Frau zu leben und welche Zumutungen damit verbunden sind. Dabei kann es nicht bloß darum gehen, nur die eigene Freiheit zu wollen, diese stößt vielmehr dort an ihre Grenzen, wo die anderen unfrei bleiben, die Gesellschaft als ganze autoritär, rassistisch, kapitalistisch und patriarchal strukturiert bleibt.

Hilde Grammel

Veröffentlicht in volksstimmen, März 2009

EL-FEM-Konferenz in Wien