KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Kuba: Zwei hochrangige kubanische Staatsfeinde erwiesen sich als Revolutionäre

(9.4.2011)

Von Deisy Francis Mexidor und André Scheer, Havanna

Kuba hat zwei neue Helden. Seit Tagen gibt es kaum eine Nachrichtensendung im kubanischen Fernsehen, die nicht über Moisés Rodríguez Quesada und Manuel Serpa Maceira berichtet. Die Tageszeitungen widmen beiden Sonderseiten, und bei Veranstaltungen werden sie geehrt und ausgezeichnet.

Bis vor wenigen Tagen galten die beiden Männer als Staatsfeinde, während sie zugleich in der US-Interessenver­tretung am Malecón in Havanna ein- und ausgehen konnten. Sie gehörten zu den aktivsten Mitgliedern der Gruppen, die immer wieder mit Aktionen gegen die kubanische Regierung auf sich aufmerksam machen und dafür von ausländischen Diplomaten und westlichen Medien gehätschelt werden. Doch vor gut einer Woche traten die beiden in dem zur besten Sendezeit ausgestrahlten Fernsehprogramm »Die Knechte des Imperiums« auf und outeten sich als die Agenten »Vladimir« und »Emilio« der kubanischen Staatssicherheit.

Der Schlag saß. Eine Vertreterin der regierungsfein­dlichen »Damen in Weiß« zeigte sich gegenüber der mexikanischen Tageszeitung La Jornada »überrascht« davon, daß mit Moisés Rodríguez ausgerechnet der Vizechef des sogenannten »Kubanischen Komitees für Menschenrechte« für »die andere Seite« gearbeitet hat, und das nicht weniger als drei Jahrzehnte lang verbergen konnte. 1980 hatte Moisés in Havanna Elizardo Sánchez kennengelernt, einen als »El Camaján« bekannten Anführer der regierungsfein­dlichen Gruppen. »Damals begannen wir, eine Beziehung aufzubauen«, berichtet Rodríguez nun gegenüber jW. Es sei darum gegangen, eine angebliche Menschenrechtsbe­wegung im Land aufzubauen, die den Interessen der US-Administration dienen sollte, »mit allem Schluß zu machen, was auf der Insel nach Revolution riecht«. Die Befehle dazu seien aus der US-Interessenver­tretung gekommen, die das »Planungs- und Führungszentrum der Konterrevolution« sei, berichtet Rodríguez.

Moisés Rodríguez war dabei, als in dem Hochhaus an der Uferstraße der kubanischen Hauptstadt zu Beginn der 90er Jahre bereits das Ende der Revolution gefeiert wurde – zu früh, wie sich herausstellte. Und er war dabei, als 2004 in der Residenz des damaligen Chefs der US-Vertretung, James Cason, die nordamerikanischen Präsidentschaf­tswahlen simuliert wurden, als befände man sich in einem Vorort von Washington. »Uns Teilnehmern erschien es, als befänden wir uns in den Vereinigten Staaten. Es herrschte ein ziemlich gefährliches, aggressives Klima des Hasses gegen die kubanische Revolution. Irgendwann wurden Hochrufe auf Bush ausgebracht, und fast alle Anwesenden stimmten für seine Wiederwahl als Präsident«, berichtet Rodríguez, der noch seinen vom damaligen Vizechef der Interessenver­tretung unterzeichneten Sonderausweis besitzt, mit dem er jederzeit Zutritt zu dem Gebäude bekam. »Ich durfte so oft kommen, wie ich wollte. Ich hatte die Möglichkeit, empfangen zu werden, allein aufgrund meines Lebenslaufs als ›Konterrevolu­tionär‹.«

Rodríguez erlebte, wie sich die Chefs der konterrevoluti­onären Gruppen in Havanna gegenseitig bekämpften, um ein möglichst großes Stück von den Finanzmitteln abzubekommen, die reichlich aus Washington flossen. Selbst während der härtesten Phase der »Besonderen Periode« nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten Osteuropas Mitte der 90er Jahre habe die Stärke der illegalen Gruppen nie mehr als 150 Leute betragen, während die USA die Zahl doppelt so hoch ansetzten. »Es ging darum, einen Bericht zu schreiben, ein Papier zu schicken. Es kam nicht darauf an, ob die Statistiken mit Erfindungen geschönt waren. Es war ganz einfach: je mehr Berichte über Gruppierungen wir schickten, desto mehr Geld schickten sie«. Dabei nutzte die US-Administration die antikubanischen Gruppen in Miami, damit diese über ihre Kontakte die Dollars ins Land brachten.

Nach drei Jahrzehnten in diesem Sumpf fühlt sich Moisés Rodríguez nun endlich frei. Am schwersten sei für ihn gewesen, daß ihn Bekannte und Angehörige als jemanden angesehen hätten, der er nie gewesen sei. »Doch jetzt ich habe ein ruhiges Gewissen, und ich weiß, daß in dieser Minute andere Kubaner dasselbe tun könnten, was ich getan habe. Mein Land wird niemals schutzlos sein«, unterstreicht er.

Kubas Journalisten haben auf ihre Weise auf die Enthüllungen der beiden Agenten reagiert und sie zu Ehrenmitgliedern des Journalistenver­bandes UPEC ernannt. Carlos Manuel Serpa erhielt seinen Mitgliedsausweis in der vergangenen Woche bei einer feierlichen Zeremonie ausgerechnet von der jungen Fernsehreporterin Gisela García überreicht, mit der er sich in der Vergangenheit regelmäßig heftige Wortgefechte geliefert hatte, als diese von den Aktionen der Konterrevolutionäre berichtet hatte.

Quelle: junge welt , 4.April 2011

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