KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Für die Entfaltung der Demokratie braucht es die Beteiligung aller

(6.11.2018)

Rede von Heidi Ambrosch, Frauenvorsitzende der KPÖ, auf der 100 Jahr Feier im Schutzhaus Zur Zukunft.

Zuallererst möchte ich meinen großen feministischen Dank und meine Anerkennung aussprechen für dieses großartige zeitgeschichtliche Dokument, das mit einem der vielen Auszeichnungspreise Österreichs bedacht werden sollte.

Penibelst hat Manfred Mugrauer aus dem Archivmaterial ein Maximum an Frauengeschichte herausgearbeitet. Dass dennoch bis in die 70er Jahre kaum Frauen auf den Bildern der großen Demonstrationen oder Parteiversammlungen auszumachen sind, entspricht den patriarchalen Blickwinkeln, die bis heute die Geschichtsschre­ibung dominieren, weil ein großer Teil der Lebenszusammenhänge von Frauen und deren Arbeit unsichtbar bleibt und das hat Gründe. Frauenarbeit vielfach unsichtbar zu halten, dient kapitalistischen als auch patriarchalen Interessen.

Es ermöglicht, Löhne in mehrheitlich von Frauen dominierten Branchen niedrig zu halten. Anlässlich des Equal Pay Days am 20.Oktober dieses Jahres – das ist statistisch gesehen jener Tag, an dem Männer bereits das Einkommen erreicht haben, wofür Frauen noch bis Jahresende arbeiten müssen (also 73 Tage gratis-Arbeit) – war wieder einmal das Thema in den Nachrichten, dass Österreich nach Estland die größte Lohnschere bei Männer- und Fraueneinkommen hat. Mittlerweile weiß man, dass nur ein Teil dabei auf die meist erzwungene Teilzeitarbeit der Frauen wegen der Kinderbetreuung zurückzuführen ist. Die kurze Begründung der medialen Berichterstattung lautete, ein weiterer Faktor sind die Berufe, die Frauen wählen. Es wird nicht weiter der Frage nachgegangen, warum eigentlich die mehrheitlich von Frauen erbrachten bezahlten Arbeiten so gering im Kurs stehen?

Warum steht Muskelkraft höher im Kurs als Feinmotorik? Warum wird soziale Kompetenz in so vielen Berufen vorausgesetzt, aber nicht im Lohn bewertet? Warum ist die Arbeit am Menschen vom Kindergarten bis zur Pflege am unteren Ende der Bezahlung angesiedelt? Weil die kapitalistische Produktionsweise die Ungleichheit der Gesellschaftsmit­glieder braucht, um notwendige gesellschaftliche Arbeiten an diese Ungleichen – Frauen wie MigrantInnen – unter- oder unbezahlt abzuschieben.

Im Bildband dokumentiert sind die wenigen vorhandenen Zeugnisse, dass Frauen von Beginn an am Gründungsprozess der KPÖ beteiligt waren und auch dafür sorgten, dass es von Beginn an frauenpolitische Kommissionen, eine eigene Frauenzeitschrift gab. Kaum dokumentiert werden konnte, was Frauen im Hintergrund leisteten. Wenn bei den Demonstrationen oder Parteiversammlungen bis in die 70 Jahre kaum Frauen auf den Bildern zu finden sind, dann wohl auch, weil da eben zuhause wer sein musste, wo man zudem ja bis in die 60er Jahre ohne Waschmaschine und Geschirrspüler im Haushalt auskommen musste und bis heute Kinder und Ältere zu umsorgen sind. Als ich 1979 der Partei beitrat, war ich ebenfalls Zeugin der hierarchisch arbeitsteilig organisierten Zusammenkünfte – Frauen, die den Saal herrichteten, Brote schmierten etc. und Männer die das Wort ergriffen.

Bereits 1920 brachte Malke Schorr (Deckname Hertha Müller), die in der jüdisch-sozialistischen Bewegung Poale Zion eine eigene Mädchengruppe gegründet hatte, es so auf den Punkt: „Denn ich sagte mir, dass sich in der Gesellschaft von Männern das Mädchen, wie ich ja selber damals noch empfand, nicht frei genug fühlt, um seine Meinung zum Ausdruck zu bringen.“ Manfred schaffte es an wenigen dokumentierten Beispielen historisch sehr anschaulich, was z.B. im 34er-Jahr außer an den Kampfschauplätzen von Frauen geleistet wurde. Anna Haider war eine der Aktivistinnen, die u.a. die Aufgabe hatte, wichtige Kampfdirektiven an die kämpfenden Einheiten zu überbringen.

Mehr Bilder und auch Namen finden wir in den Jahren des antifaschistischen Widerstands 38–45, dem sich auch die langjährige Vorsitzende des Bundes Demokratischer Frauen (BDFÖ), Irma Schwager anschloss und in der französischen Resistance die sogenannte „Mäderlarbeit“ machte. Hier ist es auch der feministischen Frauenbewegung zu verdanken, die seit den 70er-Jahren viel an Frauengeschichte vor allem auch der des Widerstandes gegen den Faschismus aufgearbeitet hat.

Ende der 70er Jahre stellten die Genossinnen in der KPÖ und die Frauen des BDFÖ zunehmend feministische Theorien zur Diskussion, wodurch innerhalb der KPÖ der Druck wuchs, eine eigenständige Frauenpolitik zu entwickeln und diese nicht an den BDFÖ abzuschieben. Ein erster Effekt bestand darin, dass aus der Familienpolitischen die Frauenpolitische Kommission wurde. Im Juni 1990 wurde das erste Frauenpolitische Programm auf einer frauenpolitischen Konferenz beschlossen, es liegt nun bereits in der 3.überarbeiteten Fassung vor. Darin heißt es: „Die Aufkündigung des historischen Geschlechterkom­promisses, „Schulter an Schulter“ mit den Genossen Kämpfe zu führen, in denen Geschlechterver­hältnisse unbesprochen und unberührt bleiben, ist eine Voraussetzung für grundlegende Veränderungen. Ohne den politischen Kampf gegen Männerprivilegien kann sich die weibliche Subjektwerdung nicht entfalten.“

Besonders in der Zeit nach 1945 ist der Kampf um Frauenrechte verbunden mit der Orientierung auf breite Frauenallianzen. Ab den 70er Jahren gelangen immer wieder punktuelle Aktionseinheiten mit der autonomen Frauenbewegung, den Sozialdemokratinnen als auch konfessionellen Frauenorganisa­tionen wie der Kampf um die Abschaffung des §144 oder auch für die Reform des Ehe- und Familienrechtes aus der Postkutschenzeit 1811, das den Frauen eigenständige Berufsausübung und Kontoführung verbot.

Auch heute sind Kommunistinnen in den feministischen Vernetzungen aktiv, wie dem österreichischen Frauenring, der Plattform 20000 Frauen, femmes fiscal u.a.

Linke Politik ist feministisch oder sie ist nicht links.

In Zeiten der beschleunigten Ausgrenzung durch Sozialabbau, Rassismus und Sexismus brennt die Umsetzung dieser Erkenntnis geradezu unter den Fingernägeln. Ermutigend ist, dass es vor allem auch viele junge Frauen sind, die sich an der Donnerstagsde­monstration beteiligen. Angelpunkt der vielfältigsten Diskriminierungen von Frauen ist die geschlechtshi­erarchische Arbeitsteilung, die Männerarbeit vermeintlich wichtiger aussehen lässt als Frauenarbeit. Um gesellschaftlich notwendige Frauenarbeit sichtbar zu machen und umzuverteilen, fordern wir den 16-Stundentag! Selbstverständlich nicht in neoliberaler Logik, sondern in der Vier-in-einem-Perspektive, entwickelt von der deutschen Soziologin Frigga Haug. Die bedeutet: Aufgrund der gestiegenen Produktivität ist es möglich die bezahlte Erwerbsarbeit – selbstverständlich bei vollem Lohn – im Durchschnitt auf 4 Stunden pro Tag zu beschränken. Damit blieben für beide Geschlechter 4 Stunden Reproduktions- bzw. Sorgearbeit gleich zu verteilen, 4 Stunden Eigenzeit zur persönlichen Weiterentwicklung und 4 Stunden für politische Partizipation. Denn für die Entfaltung der Demokratie braucht es die Beteiligung aller. Brecht hatte recht: „Über das Fleisch das euch in der Küche fehlt, wird nicht in der Küche entschieden.“


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